Carboneras und die Frage: Wer bin ich?

Station zwei auf unserer Europareise ist das komplette Gegenteil von unserer wilden Villa-Zeit in Sitges: Wir sind in Carboneras, einer Küstengemeinde in der andalusischen Provinz Almería. Aguaamarga, Las Negras, Playa de los Muertos – die Namen der Orte rund um Carboneras verheißen Düsteres. Die durch Netflix-Thriller-verdorbene Seite in mir schmiedet heimlich also bereits Ideen für einen Andalusien-Krimi. Aber die andere, die Nachdenklichere bis Philosophische, kommt hier auch zum Vorschein.

Carboneras ist, zumindest im Frühling, etwas verschlafen. Es gibt ein paar Geschäfte, Tapas-Bars und Cafés, die aber die meiste Zeit am Tag geschlossen haben. Die Gegend rund um den Ort mit rund 8000 Einwohner ist wunderschön. Schon auf dem Hinweg verliebte ich mich in die verwunschen und märchenhaft anmutende Landschaft, das Gebirge, die Felsen und die verstreut liegenden Bauernhöfen und Villen. Die meiste Zeit des Jahres ist es in Andalusien heiß und trocken – nicht aber bei unserer Ankunft.

Siedlung bei Las Negras, dahinter die Berge: Hier haben wir eine wunderschöne Feierabend-Wanderung zum Hippie-Strand Cala San Pedro gemacht.

Wir wurden mit spanischem Aprilwetter begrüßt: Sturm, Gewitter, Regen, nur ab und zu Sonne, immer aber so um die 16 Grad. Die Spanier fanden diese Wetterkapriole gar nicht witzig, als Norddeutsche konnten wir aber nur müde über ihre Klagen lächeln, packten die Regenjacken aus und buchten eine Off-Road-Tour. Da sitzt man ja meistens im Trockenen, während der Jeep sich rundum genüsslich einsaut. So also und bei kleinen Wanderungen lernten wir die Umgebung kennen: den Naturpark Cabo de Gata, die Orte Aguaamarga (bitteres Wasser) und Las Negras (die Schwarzen), den hübschen Keramikort Níjar und Cala San Pedro, eine wunderschöne Bucht, in der Hippies leben.

Wieder nur zu zweit und weit weg von der Großstadt, mussten wir uns erst einmal an die Ruhe gewöhnen. In der Villa war ja immer was los gewesen. Jetzt war wieder Zeit, zu lesen, Pläne zu machen und über die letzten beiden Monate nachzudenken: Weg aus Oldenburg, mitten in die Workation mit sieben fremden Leuten, in ein komplett neues Leben. Und fast seit Beginn unserer Tour wütet der Krieg in der Ukraine, eine große Sorge, die bei uns mitreist. Was haben wir uns da getraut? Was passiert da gerade?

Eine verrückte Zeit, die schön, verwirrend und furchteinflößend zugleich ist.

In Deutschland, zu Hause, hatte ich immer das Gefühl, jemand zu sein, die Freundin, die Onlineredakteurin, die Oldenburgerin, die Tänzerin. Ich hatte einen festen Platz, feste Gruppen, feste Anlaufstellen. Ich kenne dort viele Leute, einige kennen mich. Über all das definierte ich mich. Das spielt jetzt keine Rolle mehr, darum frage ich mich: Wer bin ich nun, ohne festen Job, das Haus, die Familie, den Freundeskreis?

Eine Fremde? Ein Niemand? Eine digitale Nomadin? Eine Hausfrau auf Reisen? Bei Facebook nenne ich mich Autorin und Bloggerin auf Zeit – das passt am besten, finde ich. Und natürlich bin ich vor allem eine Reisende, die niemanden kennt, an die sich wohl kaum jemand erinnern wird, die aber reich ist: an Zeit und Freiheit.

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Reise zurück zu mir: schreiben, lesen und philosophieren auf dem Balkon in Carboneras.

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