Adiós, Villa Tupinetti: Das nehme ich mit

Sie kennen sich kaum, sind zwischen 23 und 38 Jahren alt und haben alle andere Einstellungen zum Leben, Arbeiten und Wohnen: Neun komplett verschiedene Menschen verbringen einen Monat zusammen in einem Haus – kann das gut gehen?

Ein Blick auf unser Zusammenleben in der Villa Tupinetti in Sitges bei Barcelona: Wie es funktionierte und was ich aus dieser Zeit für mich persönlich mitnehme. (Titelbild: Danke an Laura aus der Villa Tupinetti)

So kam es zu dieser Workation

Alles fing an mit einem Posting auf einer Facebook-Seite für Digitale Nomaden. Ein Pärchen aus Würzburg suchte Mitbewohner für einen Monat Workation in Spanien. Die Unterkunft, die Villa Tupinetti in Sitges bei Barcelona, stand schon fest. Die weiteren Bewohner „castete“ das Pärchen nach und nach per Videochat. Wichtig war, dass jede und jeder mit ihrem oder seinem Arbeitgeber geklärt hatte, aus dem Ausland arbeiten zu dürfen. Um uns etwas abzusichern, unterschrieben alle Bewohner einen Vertrag mit den Initiatoren. Letztendlich basierte das Vorhaben aber vor allem auf Vertrauen.

VIDEO: Rundgang durch die Villa Tupinetti

Leben wie in einer Großfamilie

Zweifel werden oft weggewischt, sobald etwas Neues beginnt. So war es auch in der Villa. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, alle starteten mit viel Lust und Offenheit in die Workation – und der typische WG-Ärger blieb aus. Ja, manchmal nahm das Chaos seinen Lauf, aber meistens schritt eine tatkräftige Bewohnerin oder ein Bewohner im letzten Moment ein, bevor es eskalierte. Und wer eine gute Tat vollbrachte, also putzte oder den Müll rausbrachte, wurde gebührend gefeiert. Applaus für die Hausarbeit – da hat man zumindest ein bisschen mehr Motivation, sich daran zu beteiligen. Dafür dass wir wie in einer Großfamilie zusammenlebten, klappte alles erstaunlich reibungslos.

Bloß keine Vollzeitstelle auf Reisen

Fast alle Villa-Bewohner nahmen ihren Job oder ihre Selbstständigkeit mit auf die Reise. Für ihre Arbeitgeber war es meistens ein Versuch, ein Experiment, das „neue“ mobile Arbeiten auszuprobieren. Unsere größte Befürchtung vor Beginn der Reise: Würde die Internetverbindung in die Knie gehen, wenn neun Leute gleichzeitig telefonierten, mit großen Datenmengen arbeiteten und Videokonferenzen abhielten?

Nein, das ist nicht passiert. Das Internet war kein Problem, und auch sonst lief alles ziemlich glatt: Wir arbeiteten wie in einem kleinen Großraumbüro zusammen. Wer in Dauerkonferenzen war, zog sich ab und an in sein Zimmer zurück. Oder suchte einen „repräsentativen Hintergrund“ in der Villa für formale Gespräche. Nach einer Woche Workation sprachen wir einmal über die Situation und klärten, ob es Beschwerden und Änderungswünsche gab. Schnell hatte sich alles eingependelt.

Eine Erkenntnis hatten unsere Mitreisenden mit Vollzeitstelle aber früh: Acht Stunden arbeiten am Tag, wenn man auf Reisen ist, das ist keine so gute Idee. Fabian profitierte hier sehr von seiner Teilzeitstelle, weil ein Großteil des Nachmittags frei war für Ausflüge und Spaziergänge.

Positiver Gruppenzwang

Grillen, kochen, wandern, Karneval feiern, nach Tarragona fahren – von Anfang an unternahmen wir mehr zusammen, als wir geplant hatten. Jeder kann ja machen, was er will – war eigentlich das Motto. Aber das klappte nicht ganz, weil meistens doch alle dabei sein wollten, wenn was los war. Wir nannten das Tupinetti-Phänomen „Positiver Gruppenzwang“. Ich genoss es sehr, mal wieder viel Zeit in einer größeren Gruppe zu verbringen, Witze zu machen, verrückte Ideen umzusetzen, immer jemanden zum Unterhalten und Diskutieren zu haben und auch spontan etwas zu unternehmen.

Was nehme ich persönlich aus der Zeit mit?

  • Es ist gut, dass wieder was los ist. Die Sonne, die Gruppe, die Aktivitäten – so eine Workation wie in der Villa würde ich jederzeit wieder machen, vielleicht mal selbst planen. Also nicht adiós, Tupinetti, sondern: Hasta luego! Bis zum nächsten Mal!
  • Von den anderen Reisenden habe ich viel gelernt – über moderne Arbeitsprozesse, werteorientierte Unternehmen und Möglichkeiten, selbstbestimmt zu arbeiten.
  • Der Altersunterschied zwischen den Villa-Bewohnern war kein Problem. Ich fand es sehr spannend und bewundernswert, wie bewusst vor allem die Anfang-20-Jährigen über ihr Leben, Geld, Reisen, den Sinn ihrer Arbeit und ihre Pläne reflektierten.
  • Ich habe es sehr genossen, meine eigenen Projekte auf den Weg zu bringen, mir die Zeit einzuteilen und mich in Pausen mit den anderen Bewohnern auszutauschen.
  • Ich habe einen Tanzworkshop gegeben. Holla, das habe ich mich noch nie getraut.

Nächster Blog: Wo geht die Reise hin? Die zweite Station auf unserem Europa-Trip.

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